×

Anger Issue(s) no 1

Essays · Anger issue(s)

Der neue Golf braucht keine Räder.

Freie Fahrt für Stillstand

Wer die Schüsse nicht gehört hat, muss mittlerweile taub sein oder sitzt verschanzt im Turmzimmer.
Klar, was nicht sein darf, kann nicht sein. Und nirgendwo ist das wahrer als hier. Mit der nüchternen Realität haben wir es ohnehin nicht so gerne. Denn dafür müssten wir ehrlich hinschauen. Und weil die Deutschen gerade da blind hinschauen, wo eigentlich nichts wegzuschauen ist, haben wir jetzt nicht den Salat, sondern die Arschkarte.

Die ist wohlverdient. Und wird wohl auch deshalb so ungerne aus der Hand gegeben. Das Blöde nur: Sie stinkt nach Scheiße und hat auch sonst keinen wirklichen Mehrwert. Dass danach nicht gut Händeschütteln ist, ist klar. Doch der deutsche Fleiß gebietet, das zügig zu ignorieren. Stoßlüften muss helfen. Nur doof, dass uns niemand mehr die Hand reichen will.

Der kranke Mann Europas ist nämlich jetzt wirklich krank. Rezession ahoi, die ist jetzt auch endlich offiziell. Am Himmel wird es ganz schön duster. Erholung? Gesundung? Tatsächlich das eigene Verhalten überdenken und verändern? Nicht hier, niemals! Die Arbeit ruft, denn wie sonst ließe sich der Status Quo halten. Wer soll sonst den Wohlstand wahren?

Blöd nur, dass der die Plautze ist. Das Übergewicht hat seine Tücken. Wer fett ist, wird unbeweglich und ist auch sonst nicht ganz fit. Weder im Körper noch im Kopf. Mens sana in corpore sano, wenn das stimmt, sind wir nicht mehr ganz dicht.
Und wer soweit ist, der halluziniert schnell mal. Die anderen sind Schuld, uns geht's gut! Alles bestens, das muss so, wir machen es richtig, so ist es, so bleibt es.

Von unserem großen Bruder USA kopieren wir darum auch nur die dämlichsten Ideen. Eigene haben wir ohnehin nicht. Schade, dass es kein TTIP gibt, da wäre sowas vielleicht regelbar gewesen. Aber so bleibt nur der hirnlose Import von Pick-Ups und Trumpisten. Für mehr reicht es leider nicht. Neugier, Lebensmut und Zuversicht?

Sowas doch nicht, damit bleib uns fern, das stört hier nur. Was der Michel nicht kennt, frisst er nicht. Wir haben German Angst und die hat schließlich TÜV.

Macht ihr mal euer Ding, wir haben die DIN. So schallt es aus dem Nebelwald.

Doch leider schert sich keiner um die alten Normen. Die Uhr Tickt, die Welt blickt – auf uns. Und das meist nüchterner als uns lieb ist. Während es auch anderswo rummst und kracht, bewegt sich doch was. Die Transformation ist im Gange, vom Alten zum Neuen. Das ist schmerzhaft und tut weh, doch es muss sein. Die alten Wege sind tot, Sackgassen zum Scherbenhaufen.

Wer auf Kredit lebt, muss mit Zahltag rechnen. Und der kommt früher als erhofft. Doch das nützt nichts. Der einzige Weg ist durch. Nicht mit Augen zu, sondern auf. Und alle Sinne schärfen, denn was hier passieren muss, ist wichtig. Darum aufpassen, lernen und endlich mitschreiben – das wäre vielleicht mal angebracht.

Aber halt, das geht nicht. Das könnte doch jemanden in Hinterkaifing überfordern. Also Ruder zurück, Kommando widerrufen. Zurück zum Alten und damit auf nach vorn.
Mit 180 Richtung Stillstand. Der neue Golf braucht keine Räder.

Die sind uns ohnehin schon ab.


← Back to Writing