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Anger Issue(s) no 3

Essays · Anger issue(s)

Trittbrettbewahrer

Nach unten tritt's sich leichter

Wahlkämpfe sind alles-oder-nichts Schlachten. Damit aus dem laufenden Getöse eine offene Feldschlacht werden kann, braucht es mindestens zwei Seiten.

Der beste Kriegsgegner, das weiß jedes Kind, ist der, der nicht zurückschlägt.

In deutschen Kreisen sind diese Feinde, diese Schmarotzer, schnell gefunden: Die Bürgergeldempfangenden, die Schwachen, die Andersaussehenden, die Lauten, kurz; die Anderen.

Stich Nummer eins, gegendert. Oh weh, der Deutsche schäumt bereits vor Wut. Denn nichts bringt den Michel auf die Palme wie die Ungerechtigkeit! Dabei sehnt er sich nicht nach Fairness, keineswegs. Gerecht ist für den Deutschen, wenn es anderen schlechter geht.

Denn an die Verbesserung der eigenen Situation glaubt der Deutsche nicht. Die ist gottgegeben. Die Zeit rennt, doch die Kaste im Kopf bleibt. Deutschsein heißt, wenn Aberglaube Teil der DNA ist.

Die Deutschen sind eben das Volk der Dichter und Denker. Lieber dicht als denkend, zugegeben, aber das macht nichts. Mit Märchen hat es der Deutsche eben, sie geben ihm Halt, Sicherheit und Gewissheit. Und das brauchen er, um zu funktionieren.

Nüchtern sein mag der Deutsche nun gar nicht. In den Spiegel schauen? Selbstreflexion? Pfui! Das ist was für Scharlatane, Frauen und anderes Gesocks. In Sicherheit wiegen, wie ein Kind im Bette, das liebt er sehr. Und dann schreien, wenns aufhört. Das ist doch, was es ist.

Deutsche reden nämlich nicht gerne mit anderen, sondern lieber über sie. Das hat viele Vorteile. So muss man sich nicht mit der Menschlichkeit der Gegenseite auseinandersetzen und kann allerhand Märchen fabulieren, anstatt mal anständig nachzufragen, was denn los ist vor Ort.

Der Deutsche entscheidet eben nur gerne, wenn die Konsequenzen andere treffen. Das mit der Eigenverantwortung hat er nicht so, das sind Strukturen, kann man nix machen, man war ja auch nur Mitläufer, man musste ja, Sie wissen schon.

Kein Wunder, dass man sich so einsam fühlt hierzulande. Der Deutsche ist nicht mal sich selbst der Nächste.

Vielleicht hat der Deutsche aber recht. Vielleicht müssen wir einfach den Anderen noch mehr nehmen, bis sie gar nichts mehr haben. Dann geht es uns zwar nicht besser, dann können wir uns aber noch mehr darüber aufregen, dass dieses Ungeziefer uns nun moralisch auf der Straße anbettelt. Geh doch arbeiten du Opfer!

Moralische Überlegenheit bei gleichzeitiger Tatenlosigkeit und Unverantwortung. Eine Win-Win-Win-Situation. Und davon braucht man in tristen Zeiten umso mehr.

Beschämend findet der Deutsche das nicht. Längst glaubt er, was er denkt zu wissen. Dass man nicht nur nach unten schauen soll, sondern nach vorne, das ist etwas, was er nicht mag und kann.
Unsicherheit umarmen, keine Lösung. Das ist Humbug, was für Ausländer, anderes Gesocks.
Jajaja, der gute Michel. Er hat es gerne bequem.
Nicht gut, besser oder toll, sondern bequem.
Und bequem ist da, wo sich nichts bewegt.

Willkommen in Deutschland.


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